(S. 6) Performing [Gastbeitrag von Nox]

Ich performe gender
Du performst gender
ErSieEs performt gender
wir (alle) performen gender

Diese Konjugation haben wir als eine der ersten in diesem Leben gelernt.

Ich sehe, dass ich performe.
Ich sehe, dass du performst.
Siehst du auch, dass ich performe?

„Unauthentischer Trans*“, sagst du zu mir.
Siehst du auch, dass du performst?
„Nein.
Ich bin so.
Das ist das, was meine Gene aus mir machen.
I am born this way.“

Ich, der „unauthentische Trans*“
bin dein Spiegel.
Und ich glaube dir gerne,
dass dir nicht gefällt,
was du darin siehst.

(S. 36) stellen leute wirklich die f [Emilia]

manchmal stellen leute wirklich die falschen fragen
„bist du ein junge oder ein mädchen?“ – gäähn
ich habe mich letztens gefragt:
„war ich denn dann jetzt früher mal cis?“
manchmal stellen wir uns auch selber die falschen fragen
was ich mit falsche fragen meine? berechtigte frage!
auf die frage ganz oben antworte ich meist:
„warum willst du das wissen?“ und wenn keine antwort kommt
dann ist klar, dass es keine frage war, sondern nur ein
versuch mich zu dissen. keine kommunikation.
nur ausübung von macht.
ich habe mich dann auch selbst gefragt:
„warum will ich das wissen,
ob ich früher mal cis war?“
und habe keine antwort gefunden.
das war keine richtige frage.
das war das geräusch,
das x hören kann,
wenn ein begriff
an seine grenzen gestoßen wird
und keinen sinn mehr ergibt.

(S. 40/41) (ich) koch dia/mia/uns deinn/meinn/unsan *_Feminismus → ne Koch-Action mit und doch ohne [Emilia]

Wie wäre es, ein Kochrezept zu haben, das deinen eigenen (queer_trans_*)Feminismus beschreibt?
Wie wäre es, die Kochrezepte anderer (queer_trans_*)Feminismen lesen zu können?
Wenn du Lust hast, nimm dir doch 1 Zettel und 1 Stift und dann schreib dein eigenes!

→ Hier eine kleine Starthilfe! Nicht lesen wenn du dir keine Satzstartideen in den Kopf setzen lassen willst! Ist aber gut, wenn du nicht weißt wie du anfangen sollst, vielleicht!

  • Beginne mit einer Zutatenliste („x nehme…“ / „1 benötigt auf jeden Fall …“ …)
  • Beschreibe den Kochvorgang („zuerst vermischen wir (auf keinen Fall) folgende Sachen“ / „… dann lassen wir das alles eine Zeit lang ruhen …“ …)
  • Überlege dir eigene Schreibweisen (z.B. alles in kleinschreibung oder schräg und quer über ein großes Blatt oder schreibe in deiner lieblingsumgangssprache oder einer mischung aus mehreren sprachen oder oder oder oder …)
  • Beschreibe kleine Tipps und Tricks oder auch Anekdoten oder Trivia zu deinem Gericht oder erzähl ganz ganz viel drum herum („ainmal da waa ix da un da…“ / „dis hab ichh übrigns dis easte maa gekocht wo ichh noch…“ / „Übrigennns! Fannfäckt! Je ne sais pas what this person even wollte von mia….“)

→ Hier ein paar Anregungen, was da so drin stehen könnte zum Beispiel:

  • Gib deinem Gericht einen abgefahrenen/gewöhnlichen/un_interessanten Namen und beschreibe warum gerade dieser Name dein Gericht gut charakterisiert.
  • Rede ausführlich über deine Zutaten. Wo holst du die her?
  • Beschreibe einen Serviervorschlag.
  • Beschreibe Variationen deines Gerichtes (z. B.: „wahlweise …“).
  • Überlege, was gut zu deinem Gericht passt und warum.
  • Bei welchen Personen hast du dir im Laufe deines Lebens super Tricks abgeguckt?
  • Wie lange dauert das Kochen?
  • Lässt sich dein Gericht einfrieren/aufwärmen?
  • Schmeckt das Ganze mehr süß oder mehr salzig oder was ganz anderes?
  • Wex willst du empowern mit deinem Gericht? Wex nicht?
  • Beschreibe, aus welchen Fehlern du gelernt hast, welche Fehler beim Kochen gemacht werden können und wie sie umgangen werden können.
  • Beschreibe, welche Personen das Gericht zu Essen bekommen (was auch immer das heißen mag) und warum gerade die.
  • Beschreibe, welche Personen du gerne abschmecken lassen würdest, ob nicht doch noch etwas fehlt oder so.
  • Welche Personen beneidest du vielleicht sogar ein ganz kleines bisschen für ihre Kochkünste? Wex ganz und gar nicht? Was machen sie gut_schlecht?
  • Beschreibe eines der schlechtesten Gerichte, das du je probiert hast, und sage, was du daran schrecklich fandest.
  • Wenn beim Kochen was schief geht, wie kann 1 das Gericht retten? Was braucht es dazu?
  • Hast du eine Geheimzutat, die dein Gericht abrundet? (Die musst du selbstverständ­lich nicht verraten, sonst wäre sie ja nicht mehr geheim, musst du halt wissen, ne?)
  • Wie reagierst du, wenn Leute dein Gericht nicht mögen? Wenn es manchen z. B. zu fad oder zu intensiv schmeckt? Was macht das mit dir? Welche Kritik lässt du zu?

Und wenn du wirklich Bock hattest das zu schreiben, wenn du also fertig bist (yay voll cool!), hier noch ein paar Sachen, die du wahlweise tun aber auch lassen könntest:

  • Schicke eine Rezept-Kopie an gute Freund_innen!
  • Schicke eine Rezept-Kopie an uns und wir werden sie vielleicht aufs Blog stellen!

    → transcistorzine@gmail.com, transcistorzine.blogsport.de

  • Poste dein Rezept in einem von diesen Social-Media-Dingern und guck was passiert!
  • Lege dein Rezept nachts unter dein Kopfkissen und beobachte, wie sich deine Träume verändern!
  • Hänge es an deine Wand, um dich an (empowernde/ermahnende/…) Sachen zu erinnern, die du manchmal vergisst aber nicht vergessen magst!
  • Mach daraus kleine Flyer und mogele dein Rezept in anderer Leute Kochbücher. Die werden Augen machen!!!
  • Mach dir einen Spickzettel für unterwegs mit den wichtigsten Punkten, falls du mal bei einer anderen Person zu Hause spontan Kochen willst_musst_sollst_darfst_ kannst_magst_*

Wenn du das hier liest, aber noch gar nichts geschrieben hast (ist ja auch ok!), vielleicht hast du ja Lust hier ein paar deiner Gedanken festzuhalten oder so:

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(S. 34/35) 2 Transfeminine_weiße_ableisierte Personen denken über Privilegien nach [von Emilia]

2 Transfeminine_weiße_ableisierte Personen denken über Privilegien nach (Emilia)

Lara: Letztens meinte doch echt diese eine da zu mir, dass ich ja irgendwie male privilege habe. Oder dass ich das mal checken soll oder so, ich dachte echt ey…

Anna: Dafuq?

Lara: Ja, ich frage mich echt manchmal, wie Leute sich vorstellen, wie Privilegien funktionieren.

Anna: Ja echt, ich finds auch immer so interessant, also ich meine Privileg ist auch nicht gleich Privileg, ne? Und nicht alle Formen von Privilegien kann 1 auch wirklich haben, also ich meine, es kommt halt echt auf den Kontext an, so einfach ist das nicht immer. Also ich meine, Privilegien werden 1 ja nicht bei der Geburt so mit auf den Weg gegeben, aber ich glaub das stellen sich viele so vor irgendwie.

Lara: Ja ne? So wie das mit diesem „unsichtbaren Privilegien-Rucksack“ da, das war mir auch schon immer sehr suspekt. Also ich meine das nimmt auch wieder alles voll ausm Kontext raus, sich Privilegien als sonen Rucksack vorzustellen, ich mein, wo hab ich den denn her? Krieg ich den bei der Geburt? Gibts da sonen Privilegien-Gott und der sagt sich dann, ach hier, der Moritz, dem brauch ich bloß cis-Privilegien für 19 Jahre mitzugeben in seinen Rucksack, weil dann findet er nämlich raus, dass er trans* ist, oder wie ist das? Oder geb ich dann meinen Rucksack ab in dem Moment, wo ich weiß, dass ich trans* bin? Also… ne? Ich weiß, das mit dem Rucksack von der Peggy McIntosh das war auf weiß-sein bezogen, aber auch da wird irgendwie so getan, als hätte 1 diese Privilegien halt irgendwie so ganz unverdient und so, das ist doch son quatsch!

Anna: Ja, dazu hab ich auch voll den guten Artikel bei der Mädchenmannschaft aufm Blog gelesen von Nadine. Weil Rassismus eben auch eine aktive Handlung ist und nicht irgendwas wofür die armen weißen gar nix können. Und ja, wenn ich mich jetzt abschminke, meine Ohrringe rausmache, meine Haare abschneide, mir typisierende Klamotten überhelfe und mit tiefer Stimme rede und mich dann die meisten als cis-Typen lesen und wenn ich dann irgendwo zum Beispiel deswegen ernster genommen werde als anwesende weibliche Personen bzw. Frauisierte, könnte ich in diesem Kontext von einem ganz bestimmten Privileg reden, das ich in diesem Kontext habe und das daher kommt, dass mir mehr Kompetenz zugeschrieben wird, weil irgendwelche sexistischen Arschloch-Typen zum Beispiel das meinen, dass das so wär. ok.

Lara: Ja ne? Das ist so eine verzwickte Scheiße, also Genderismus_Rassismus_Ableismus_etc also so Diskriminierungen aller zusammenhängender Art, ja? Das läuft einfach weder 1:1 parallel mit Identitäten noch mit Wahrgenommen-Werden, noch mit sonst irgendwas ganz easy-peasy zusammen. Es ist halt echt alles viel komplizierter, komplexer. Und oft verlieren die Leute auch aus den Augen, was sie eigentlich damit nochmal erreichen wollen, dass sie eine Person auf ihre Privilegien hinweisen, die sie haben oder angeblich haben. Haben. Das ist wie einer nicht-cis Person, die aber als cis wahrgenommen wird gerade (vorsicht! „passing privilege“?) – ja? – wenn diese Person gesagt bekommt, „du als cis-Frau“ zum Beispiel und sie isses gar nicht. Das kann halt echt eine gewaltvolle Zuschreibung sein ne?

Anna: Ja, es ist halt supergut, die privilegierte Position zu benennen, aber es ist echt ungeil, einer trans*-Person vorzuhalten, welche gender-related Privilegien sie habe, die sie gar nicht hat. Also klar, wenn du was sagst jetzt und ich sag, scheiße, Lara, das kannst du aber auch nur, weil du auch ganz gut als cis „passt“ manchmal, ich könnte das nicht, verallgemeiner das jetzt mal nicht. Ich meine, das würde wohl kaum passieren, aber… ne? Könnte ja sein. Ok. Aber dass jetzt ne cis-Person zu dir sagt, dass du male privilege hast… hast vor allem… wohl eher hasst was? …

Lara: Hehe ja… Aber auch interessant aber ne? Woher weißt du, dass das ne cis-Person war jetzt? Ist jetzt auch nicht so ganz klar ne? Schon auch ne Fremdzuschreibung irgendwie…

Anna: Ja, schon. Ok. Davon bin ich jetzt ausgegangen, weil ich damit jetzt aber auch wirklich einen Punkt machen wollte, ich mein ich bin die letzte, die jetzt willkürlich alle als cis bezeichnet, würde ich jetzt mal behaupten… also was ich sagen will ist, dass diese Ignoranz gegenüber solchen Themen halt wirklich nur von cis-Leuten kommen kann. Ich meine, trans*-feindliche Sachen kommen halt schon eher von Leuten, die selber keine Erfahrungen mit Trans*-Feindlichkeit gemacht haben ne?

Lara: Ja, haste auch wieder recht. Boah ich hab grad so ein Wirrwarr im Kopp, dis glaubste gar nich. Also… Meine Identität hängt mit meinen Handlungen zusammen, oder halt mit Diskriminierungsformen, und Privilegien sind kontextgebunden und die sind auch eine aktive Handlung oder…

Anna: Ja naja jedenfalls is alles nich so einfach ne? Ich finds einfach wichtig, mich auch mal zu überprüfen, was ich da eigentlich grade mache. Warum sag ich zu einer Person, dass sie cis sei? Weil ich sie darauf aufmerksam machen will, dass etwas, was sie grade gesagt hat, die Lebensrealität von Trans*-Menschen ignoriert und das geht nicht klar. Und im Umkehrschluss denke ich halt, dass diese Person cis ist, weil Trans*-Menschen höchstwahrscheinlich keine potentiell trans*-feindlichen undoder -ignoranten Sachen sagen würden.

Lara: Es ist wirklich alles nicht so einfach.

Anna: Ja. Mir hat das Konzept mit den kritischen Ver_Ortungen immer echt gut geholfen, ein bisschen besser durchzublicken. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich alles 100%ig verstanden habe, aber eben generell auch zu schauen, dass alles einen Kontext hat und von strukturellen Diskriminierungsformen auszugehen statt von Identitäten, das ist echt sinnvoll, finde ich.

Lara: Ja, ich finds halt auch immer so traurig, wenn so „feministische“ Sachen gesagt werden wie „Männer können gar nicht Opfer von Sexismus werden“ und dann denke ich mir, genau, ein Trans-Mann, der von irgendwem als Frau wahrgenommen und deswegen scheiße sexistisch behandelt wird, ist bestimmt sauprivilegiert! Anstatt von Misogynie auszugehen, die sich gegen Menschen aller Identitäten richten kann. Und ich bin wirklich die letzte, die sagt, ey, euer Feminismus denkt mir zu wenig an cis-Männer. Aber auch feminine oder als feminin gelesen werdende cis-Männer können bestimmte Auswüchse von Sexismus erfahren. Bestimmte wiederum auch nie. Und da muss ich ja jetzt auch nicht meinen Feminismus von ausgehen lassen, aber ich kann ja vielleicht mal drüber nachdenken, warum ich eigentlich nochmal wen von was ausschließe in welchen Sätzen. Mein Feminismus ist auch nicht für weiße_ableisierte_cis-Männer da. Aber Cissexismus bzw. Cisgenderismus geht halt alle was an. Ein cis-Mann wird auch nicht als Mann geboren. Oder?

Anna: Ja, Privilegien sind kontextgebunden. Die hat ein Mensch nicht einfach so.

Lara: Und die laufen nicht 1:1 parallel zu Identitäten geschweige denn Wahrnehmungen.

Anna: Und vor allem sind Privilegien ein Kontinuum und kein ganz oder gar nicht.

Lara: Ja. Ich nenn mich auch meistens ableisiert, weil ich selten aufgrund z. B. meiner physischen Befindlichkeit_Beschaffenheit_etc an Sachen gehindert werde. Aber ich meine du weißt ja wie ich manchmal einfach nicht das Haus verlassen kann wegen Angstzuständen und alles… und das hält mich dann schon wiederum davon ab, Dinge zu tun… Da fühle ich mich nicht gerade ableisiert…

Anna: Ja, ich weiß, was du meinst. Und wenn ich einer Person Privilegien einer bestimmten Kategorie zuschreibe, sollte ich wissen, warum in welchem Kontext und ob ich nicht vielleicht eine gewalt­volle_fehlgeleitete_zielverfehlte Fremdzuschreibung mache.

Lara: Und ich kann Privilegien bekommen dadurch, dass andere mir etwas zuschreiben wie zum Beispiel Männlich-Sein und mich dann anders behandeln. Wenn ich dann aber mitspiele, indem ich zum Beispiel Bonding über Misogynie betreibe, investiere ich selbst auch in dieses Privileg. Ich habe das dann auch nicht einfach so.

Anna: Ja. Leute sollten öfter mal auf Handlungen und strukturelle Diskriminierungs- und Machtstrukturen schauen statt auf Identitäten. Identitäten können wichtig sein, aber identitätsbasierte Politiken trennen zuoft was zusammen gedacht werden sollte…

Lara: Wir müssen da nochmal wann anders weiterreden drüber. Ich will mir mehr Gedanken dazu machen…

Anna: Ja… geht mir auch so…

Lara: Ich unterhalte mich saugerne mit dir, weißt du das?

Anna: Ja. Gleichfalls :)

Lara und Anna gehen gemeinsam händchenhaltend dem Sonnenuntergang entgegen.

(S. 18/19) Grenzen & Gespenster [von Emilia]

Was ist eigentlich unheimlich? Unheimlich kann vieles sein.

Ein Geräusch, von dem wir nicht wissen, woher es kommt. Ein Zaubertrick, dessen Funktionsweise wir nicht verstehen. Wenn Dinge passieren, die wir uns nicht erklären können. Wenn wir etwas nicht erwarten. Wenn wir etwas nicht be_nennen können, weil wir es nicht verstehen. Wenn wir etwas nicht verstehen, weil wir es nicht be_nennen können. Eine der unheimlichsten Sachen dürfte es jedoch sein, wenn etwas (scheinbar) geschieht, das nach unserem Wissensstand unmöglich ist. Unsere Wahrnehmung kann dadurch ganz grundsätzlich in Frage gestellt werden.

Nun können wir darauf reagieren, indem wir unsere Wahrnehmung hinterfragen, oder wir können weiterhin annehmen, dass das, was da passiert, unmöglich ist, indem wir diesem Geschehnis die Glaubwürdigkeit absprechen, es leugnen. Eine zweite Möglichkeit ist, das, was da passiert, auf Biegen und Brechen in unsere bereits bestehenden Kategorien reinzuquetschen, auch wenn das schwer sein mag, oder wir wählen drittens und versuchen die „Fehler“ unserer bisherigen Denkweise zu ergründen und neue Denkstrukturen zu finden, die das bisher unmögliche möglich machen. Drittens ist natürlich nicht so einfach.

Die Kategorien, mit denen wir hantieren, funktionieren unter anderem dadurch, dass wir irgendwas irgendwie definieren. „Definieren“ heißt eigentlich nichts Anderes als „abgrenzen“. Wir stecken gewaltvolle Grenzen dessen, was ein bestimmter Begriff bezeichnet und auch oder vor allem, was er nicht bezeichnet. Wie oft ist es aber nicht auch so, dass zwei Leute, die miteinander kommunizieren, von einem Begriff ganz andere Vorstellungen davon haben, was in eine Kategorie rein gehört und was nicht, und deswegen völlig aneinander vorbeireden. Wenn das auffällt, können Diskussionen darüber entstehen, z. B. „Nein das ist doch nicht grün, das ist mehr so türkis.“ – „Naja, türkis ist doch auch grün.“ – „Nee, sonst würde das je grün heißen und nicht türkis.“ blablabla.

Um bestimmte Kategorien finden regelrechte Kämpfe statt. Dies hängt u. a. damit zusammen, wie wichtig bestimmten Leuten die Definitionsgrenzen einer bestimmten Kategorie sind, was wohl weniger auf „türkis/grün“ als vielmehr auf Begriffe wie „Frau“, „Mann“ und andere zutrifft. We_r da we_n reinpackt, reinpacken darf, sich selbst wo reinpackt etc., das hat schon Auswirkungen auf das Leben von Menschen und auf Kategorien wie „Leben“ und „Tod“. Verschiedene Leute können also verschiedene Interessen daran haben, we_r/was in welche Kategorie reingehört und wer nicht. Die Grenzen dieser Kategorien (also vor allem „Mann“/ „Frau“) bestimmen unsere Wahrnehmung von Menschen meist ziemlich grundlegend. Deswegen kann es für einige Leute sehr unheimlich sein, wenn diese Grenzen in Frage gestellt, überschritten oder zerstört werden.

Wenn ich irgendwo eine Grenze ziehe, dann hat diese Grenze ja eigentlich „nur“ die Funktion, z. B. das „hier“ vom „dort“ zu unterscheiden. Was ist aber, wenn ich auf der Grenzlinie stehe? Denn die hat ja auch eine Dimension? Für so Ballspiele, wo so dicke Linien auf das Spielfeld gemalt sind, ist das eindeutig geregelt, weil das gar nicht so selten passiert. Also quasi wegkategorisiert, damit das am Ende nicht noch Probleme bereitet. Dann gibts auch so Sachen wie „übertreten(!)“, also wie beim Dart. Wenn ich mich da nicht an die Linie halte, die anzeigt, bis wohin ich treten darf, ist es potentiell „unfair“ anderen gegenüber, die überwachen das dann auch schon und sagen mir Bescheid, wenn ich die Regeln verletzt habe. Leider haben viele Menschen ähnliche Denkstrukturen im Kopf, wenn es um Geschlecht geht.

„Warum hast du einen Rock an?“ – „Du hast die Linie übertreten!“
„Warum schminkst du dich eigentlich nie?“ – „Du spielst ja gar nicht richtig mit!“

Menschen scheinen echt so Regeln im Kopf zu haben, was klar geht und was nicht, und teilen das dann auch anderen mit. Warum? Neben weiteren 3852 Gründen denke ich auch, weil das nicht zu dem passt, wie sie sich ihre Wahrnehmung, ihre Denkstrukturen, gesellschaftlichen Regeln (an die sie sich ja auch halten! Nur du nicht! Was soll das?!), Kategorien etc. gestaltet haben und vielleicht ist es ja nicht mal ganz so falsch, zumindest in Teilen davon zu sprachen, dass sichtbares_offenbartes Trans*-Sein Ängste bei cis-privilegierten Personen auslösen kann. Vielleicht haben ja wirklich manche Leute Angst, weil grade ihr Weltbild zusammenbricht. Natürlich heißt das nicht „ach habt doch Mitleid mit den armen Privilegierten, die können doch nicht anders, als diskriminierende Sachen zu sagen“, sondern der Punkt, den ich machen will geht auf die Verbindung unheimlich+grenzenüberschreitend+grenzüberwachend hinaus.

Leute investieren nämlich auch selber in diese Grenzen von Kategorien, indem sie sich daran halten. Und wenn viele sich dran halten, aber ein paar Leute nicht, dann kann 1 schonmal wütend werden. Wenn alle sich in der Schlange hinten anstellen und dann macht das irgendwer nicht und ich hab jetzt hier schon so lange gewartet und so…

Wenn ich mein Leben darauf verwende, in meinem mir bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen auch wenn ich keinen Bock drauf habe eigentlich (z. B. „Stark“-Sein als „Mann“, sich schminken und rasieren müssen als „Frau“) und mir dadurch Vorteile erhoffe (ja, auch bzw. gerade CisPrivilegierte müssen ihr Geschlecht immer wieder herstellen, jaja, das ist nicht natürlich, neinnein, könnt ihr mir nicht erzählen, dass Schminke und Eiweißpräparate natürlich sind, neineinnein) und dann, dann kommt da wer und sagt oder impliziert „Hey, du musst dich nicht an die Regeln halten!“

Eine vierte Möglichkeit habe ich oben bei der Aufzählung von Umgangsweisen mit InFrageStellungen der eigenen Wahrnehmung vergessen, nämlich: „Die Ausnahme bestätigt die Regel.“ Ich finde, die Ausnahme bestätigt lediglich, dass die Regel einfach daher kommt, dass es aber in Wirklichkeit alles verdammt noch mal viel viel VIEL komplizierter ist. Ich kenne eine Geschichte, die geht so:

Zwei Personen wohnen zusammen in einer 2er-WG. Die eine Person (A) nimmt eine Milchtüte aus dem Kühlschrank und trinkt direkt aus ihr. Person (B) verspürt eine starke Wut, weiß aber, dass diese Wut nicht gegen diese Person gerichtet ist, sondern dass es um irgendetwas in ihr selbst geht. Eine Person aus der Tüte trinken zu sehen, macht (B) sehr wütend. Aber warum?

Es dauert ein halbes Jahr, bis si_er versteht, dass si_er selbst als Kind derbe zusammengeschissen wurde, wenn si_er beim Direktausdermilchtütetrinken „erwischt“ wurde von den Eltern. Si_er hat deswegen damit aufgehört, gegen den eigenen Willen. Wenn si_er nun sieht, dass andere das einfach so tun, kommt in ihm_ihr Wut auf. Wut jedoch, die gegen die in der Vergangenheit liegende Sanktionierung gerichtet ist, nicht gegen die Person, die ein solches Verbot entweder nie hat internalisieren müssen oder es nicht beachtet. Wut aber auch aufgrund des Unverständnisses dem gegenüber, warum das Direktausdermilchtütetrinken nicht sein soll, nicht sein darf. Weil es unheimlich ist, weil es nicht da sein sollte. Weil es gegen die Regeln verstößt, die so präsent sind, dass sie schon unsichtbar geworden sind. Um diese unbewussten Gedankengänge_Emotionsabläufe wahrnehmen zu können, braucht es schon einiges an Zeit und Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

Vielleicht ist es also nicht nur unheimlich für manche cis-privilegierte Personen, TransPersonen als solche zu akzeptieren, bzw. ihr Geschlecht zu akzeptieren, weil bestimmte Grenzen überschritten werden, sondern auch, weil cis-„Sein“/Handeln auch nichts Natürliches ist, sondern auch das Geschlecht von CisPrivilegierten in Laufe ihres Lebens wahrscheinlich des Öfteren policed worden ist. Vielleicht werden sie beim Anblick einer genderqueeren gender expression daran erinnert, dass die gesellschaftlichen gewaltvollen Regeln_Gebote von Zwangs-Zweigeschlechtlichkeit alle etwas angeht, und dass sie sich ja an diese Regeln halten, obwohl es ihnen auch nicht immer passt. Vielleicht werden sie von düsteren Orten ihrer eigenen Vergangenheit heimgesucht. Von den Momenten, in denen ihnen ihr Gender verordnet_anerzogen_eingeprügelt_internalisiert worden ist. Alles ist real und alles ist konstruiert. Die Vergangenheit ist gegenwärtig. Unheimlich ist das.

Und alles geht uns alle an. Es geht alle an. Es geht alle an. Es geht uns alle an. Es geht uns alle an. Es geht alle an. Es geht uns an. Es geht uns an. Es geht uns alle an. Es geht uns an. Es geht uns an. Es geht alle an. Es geht uns alle an. Es geht uns alle an. Es geht alle an. Es geht uns an.

---Ende des Originalen Textes---